Landsberg
im 20. Jahrhundert
Bürgervereinigung zur Erforschung der Landsberger Zeitgeschichte

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Vom DP-Lager Landsberg ging
die Zukunft aus

von Anton Posset

Die Langfassung des Artikels finden Sie im Themenheft 6 "Vom DP-Lager Landsberg ging die Zukunft aus". Er beschreibt dessen Enstehung und Geschichte von 1945 -1951.

Lager in und um Landsberg im letzten Kriegsjahr

Im letzten Kriegsjahr 1944/45 war die Stadt Landsberg und der Landkreis von einem engen Netz von Ausländerlagern, Kriegsgefangenenlagern, von "Judenlagern"; überzogen.
Eine Statistik vom 9. Oktober 1944 des Landrates Dr. Moos an die Bürgermeister des Kreises Landsberg und Schongau umfaßt alleine für die Stadt Landsberg 21 Positionen mit 5251 Personen, dabei wurde das zweite "Judenlager" in der Stadt Landsberg noch im Aufbau verzeichnet. Es waren die Lager für polnische, russische, französische Kriegsgefangene, Lager für Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen. Sie waren in den verschiedensten Arbeitseinsätzen z.B. in der DAG (Dynamit Aktiengesellschaft) bei der Baywa, der Bayerischen Pflugfabrik, bei den Bayerischen Wasserkraftwerken AG, der Organisation Todt u.s.w. Für den Landkreis wurden noch weitere acht "Judenlager"; angegeben. Für den Zeitraum vom 15.7. -15.8.1944 wurden 9000 KZ-Häftlinge neben 3000 Ausländern und 3900 Deutschen als Verpflegungsstärke für den Bau des unterirdischen Bunkers Weingut II (heute Luftwaffenwerft 31) angegeben.
Man war sich also überall der ungeheueren Menschenanhäufung schon während des Baues des Rüstungsprojektes "Ringeltaube" bewußt. Aber die Menschen waren nötig, um dieses Projekt zu verwirklichen. Niemand dachte daran, diese frühzeitig beim Heranrücken der Kriegsfront durch die Alliierten wieder in ihre Länder zurückzubringen.

Situation bei Kriegsende

So trafen die amerikanischen Truppen als sie am 27. April 1945 die Landkreisgrenze von Augsburg kommend überschritten, auf die Greueltaten der SS im KZ-Lager Kaufering IV; in gleicher Weise trafen sie aber auf die anderen Gefangenengruppen. Dies stellte sie vor fast unlösbare Probleme.
Während die französischen KZ-Häftlinge des KZ-Kommandos Landsberg, die nicht auf den Todesmarsch mitgegangen waren, sich den französischen Kriegsgefangenen anschlossen und mit diesen nach Westen in Richtung Frankreich zogen, war dies für die russischen Kriegsgefangenen, für die Polen für die Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen unmöglich. Die Bahnlinien, die Transportmöglichkeiten nach dem Osten waren durch die Eroberung von München und die Zerstörungen unmöglich gemacht. So blieb also nichts anderes, als diese Menschen hier in Landsberg unterzubringen.
Unter diesen Personen , die hierher verschleppt wurden, stellten die jüdischen verschleppten KZ-Häftlinge eine besonders große Gruppe. Für sie war es ebenso unmöglich nach dem Holocaust, den sie durchlebt und überlebt hatten, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Sie waren physisch und psychisch so zerstört, daß es Ihnen schon aus Gründen der körperlichen Erschöpfung nicht möglich war, größere Strapazen der Fahrten zu übernehmen.

Den aus Ihrer Heimat verschleppten Personen gaben die Verantwortlichen den Namen: Displaced Persons.

Gründung des DP-Lagers Landsberg

Die Gründung des DP-Lagers Landsberg geht auf den 9.Mai 1945 zurück. Zu diesem Zeitpunkt gehörten aber hierzu alle Verschleppten, die in Landsberg einquartiert wurden. Als günstigster Ort war von der amerikanischen Militärregierung die ehemalige Kaserne der Wehrmacht, die Saarburgkaserne,ausgewählt worden. Diese Kaserne hatte ihren Namen von Hitler erhalten und sie bot auch eine gute Möglichkeit die Verschleppten unterzubringen. Natürlich mußte es zwischen den verschiedenen Gruppen der verschleppten Personen sehr schnell zu großen Spannungen kommen: neben den rassistischen Opfern des Nationalsozialismus - den Juden - waren es die politisch Verfolgten aus allen Staaten Osteuropas. Während die einen sich schnell bewußt wurden, daß man ihre Familien vernichtet hatte, waren sich die anderen klar, daß Sie in ihre Heimatländer zurückkehren würden.

Wie sich jene Menschen fühlten, dies hat der Überlebende eines Landsberger KZ-Lagers, der spätere weltbekannte Völkerrechtler Samuel Pisar beschrieben. Er hat diese Zeit als DP als eine "Dekompressionskammer" nach den Schrecken des Holocaust zum Zurückfinden in ein ordentliches Leben betrachtet.

Die ersten Wochen

Auf der Sitzung des Arbeitsausschusses der Stadt Landsberg, den die Ameriakaner eingerichtet hatten, begegnet man am 11.5.19945 zum ersten Mal einem Vertreter der Displaced persons, der Bericht erstattet: Dr. Valsonok. Zum ersten Mal werden genaue Zahlen benannt: In St. Ottilien waren es 406, in Utting einige hundert, in Holzhausen und Unterigling 250 und angeblich waren von Augsburg her 800 Personen unterwegs. Dazu rechnete er, daß in jedem Dorf noch zwischen 20 - 100 Ausländer anzutreffen waren; in der Saarburgkaserne zählte man ca. 4400 Mann. Die Lage ist wenig erfreulich und kann teilweise als chaotisch bezeichnet werden.
Die Wasserzuführung ist völlig ungenügend und zur Zeit nur für die Küche und das Revier möglich. Dr. Valsonok weist mit großem Ernst darauf hin, daß in der Kaserne auch Angehörige aus den Krankenlagern 4 und 1 befinden - hier sind die Überlebenden der Kauferinger KZ-Lager Kaufering I und Kaufering IV gemeint - und die Gefahr einer Typhusepedemie möglich ist. In St. Ottilien sind schon zwei Fälle aufgetreten, hier in der Kaserne vorläufig noch nicht.

In der Sitzung des Arbeitsausschusses vom 25.5.1945 wird zum ersten Mal eine genaue Zahl der displaced persons in der Kaserne angegeben 6870, das waren im Kasernenbereich 67% gegenüber der Gesamtbevölkerung von 10245. Die Zustände müssen erdrückend gewesen sein. Und so wurde das DP-Lager auch sofort durch einen doppelten Stacheldraht gegenüber der Stadt Landsberg abgesichert. Dieser Zaun wurde erst niedergerissen, als Major Irving Heymont im September 1945 die Aufsicht über das Lager übernahm.

Das jüdischen DP-Lager

Waren es bis zum September 1945 in diesem Lager die verschiedensten Gruppen von Verschleppten, so wurde es durch den Wechsel von Major Irving Heymont an die Führung dieses DP-Lagers zu einem rein jüdischen DP-Lager.
Der Geschichte dieses Lager wollen die folgenden Ausführungen nachgehen. Denn dort wurde wie sich der heutige Vorsitzende der Israelitischen Gemeinden in Bayern Prof.Simon Snopkowski ausdrückte, "der Staat Israel in seinem vorstaatlichem Stadium praktiziert".
Die Überlebenden dieses DP-Lagers sahen sich selbst als den "Rest der Geretteten" (She´erit Hapletah), der dieser durch den Rassismus und Totalitarismus zerstörten Welt einen neuen Sinn geben wollte, hier schrieben Männer und Frauen an die Wände ihres Parteilokals in hebräischer Schrift, aber mit jiddischen Worten ihre Mission: "Eretz Israel - das Land Israel - ist klein, aber es kann groß werden durch deine Arbeit. - Rede wenig und tue viel!". Diese Zeilen befanden sich noch bis zum Jahre 1989 in einer Werkstatt vor den Toren des ehemaligen DP-Lagers in Landsberg.
Diese beiden Grundelemente können als die tragenden Säulen des sich in Landsberg entwickelnden jüdischen Lebens betrachtet werden.

Rückkehr ins Leben

Hier am Geburtsort des Holocaust, wie es der amerikanisch-jüdische Historiker Abraham Peck nennt, am Ort , wo der Holocaust in seiner letzten und grausamsten Phase stattfand, wo er aber durch die den "Rest der Geretteten" versucht wurde zu überrwinden, wo jene Menschen zu Tode gequält wurden unter dem nationalsozialistischen Motto "Arbeit macht frei", an diesem Ort faßten diese Menschen wieder neuen Mut, erfaßten die Arbeit wieder als einen menschlichen Wert, als einen Wert, der nötig ist, um ihr eigenes Land wieder aufzubauen. Parade im DP-Lager Landsberg So steht das DP-Lager Landsberg für das Ende des Holocaust und für den Wiederbeginn eines neuen Lebens, viele jener Männer und Frauen, die nach 1948 Israel zu dem Land machten, das es heute ist, haben hier in Landsberg den Holocaust überlebt, sie haben hier einen Beruf erlernt, sie haben gelernt wie man eine Demokratie aufbaut, wie man seine religiösen Werte wieder zurückgewinnen kann und wie man sich auf "Eretz Israel" vorbereiten kann.
Soziales Lernen vom Kind über den Jugendlichen bis hin zum Erwachsenen wurde hier als Experiment erfahren; das Experiment der Kibbuzime für die Kinder, die ihre Eltern durch den Holocaust verloren haben, wurde hier an neun verschiedenen Orten durchgeführt; das politische Leben wurde hier von der Basis weg geübt.

Lagerschulen

Diese Schulen standen unter der Aufsicht des jüdischen KZ-Häftlings aus Litauen Dr. Oleiski. Er hatte vorbildlich alle Räume genutzt, um Werkstätten und Klassenräume zu errichten; sein Einfluß war auch im kulturellen überall zu spüren. Dr. Oleiski war später eine Größe im israelischen Berufsschulwesen, der schon damals eine große Beredsamkeit und die Fähigkeit besaß zu praktischer Lösung sozialer Probleme.

Die Kibbuzbewegung

Die Angehörigen der Kibbuzbewegung baten, ihnen bis zur Auswanderung nach Palestina einige Bauernhöfe, die Nazis gehören, zu übergeben. Sie weigerten sich einzeln auf deutschen Höfen zu arbeiten.
In den folgenden Jahren entstehen über den ganzen Landkreis verteilt neun Kibbuzime, die von der religiösen Ausrichtung bis hin zur sozialistischen Gesinnung reichen.

Die Lagerzeitung

Da Heymont keine jiddischen Drucktypen finden kann, macht er den Vorschlag, lateinische Schrift und phonetisches Jiddisch zu verwenden. Die Zeitung trägt den Titel: "Jiddische Landsberger Cajtung". Sie wird in der Landsberger Druckerei Neumayer gedruckt, die Rechnung bezahlt der Landrat.
Landsberger Szpigel im DP-Lager Landsberg Dies ist die erste Zeitung, die im Raum Landsberg erscheint. Ihr Herausgeber ist der Litauer Dr. Valsonok, der als erster schon mit den Deutschen am 8.5.1945 verhandelte. Die erste Ausgabe erschien am 6. Oktober 1945, die Zeitung enthält Nachrichten aus aller Welt, Lagerneuigkeiten und Bestimmungen, literarische Artikel und kritische Aufsätze. So ist es gar nicht verwunderlich, daß viele Artikel sich mit dem ehemaligen jüdischen Leben in Litauen befassen: "Jidiszer wisnszaftlecher institut (JIWO) cu zajn 20jorikn kilum; Fun jidiszin martyrolog in Pojln; Far cwej-jorn in kowner geto; Di Likwidacje fun Kowner Geto; Der 16- joriker heldisz-jidiszer partizan; Nyto undzer jidisz Wilne ,Jeruszalajiim d Lite; 127992 fun Marjan Zyd" (ein Bericht eines jüdischen KZ-Häftlings aus dem KZ-Kommando Kaufering). So wird diese Zeitung im New Yorker Morgn-zurnal von dem Journalisten L. Sznajderman als "Di beste jidisze Cajtung in dajcze Lager" bezeichnet.
Diese Zeitung war aber auch für Suchanzeigen, für Heiratsannoncen und für die Bildung des politischen Lebens im Lager. So ist es auch nicht verwunderlich, daß die Zeitung zum Sprachrohr für das Lagerkomitee wurde.

Wahl im DP-Lager

Hier wurden auch die Vorbereitung für den demokratischen Wahlkampf getroffen. Am 21. Oktober 1945 sollten die Wahlen stattfinden, daran nahmen Parteien aller Gruppierungen teil. Die Zeitung war ein wichtiges Sprachrohr; dazu gab es Flugblätter, es gab Wahlverantsaltungen und viele Diskussionen. Ein Sprecher auf einer großen Wahlveranstaltung in der Nacht vor der Wahl bemerkte, daß es angemessen sei, die ersten freien Wahlen der Juden seit der Befreiung in der Stadt abzuhalten, in der auch Hitler "Mein Kampf" geschrieben habe.
Der "Ichud-Block" ging mit einem stattlichen Vorsprung als Sieger aus der Wahl hervorgegangen.

Besuch von Ben Gurion

Und am gleichen Tag kommt noch Ben Gurion , der Staatsgründer Israels nach Landsberg. Sein Besuch war nicht angekündigt. "Für die Leute hier erscheint wie Gott! Es sieht aus, als wenn sich in ihm die gesamte Hoffnung, nach Palästina auswandern zu können, vereinigt. (...) Noch niemals hatten wir einen solchen Ausbruch von Energie erlebt. Ich glaube nicht, daß selbst der Besuch des Präsidenten Truman soviel Aufregung verursacht hätte."
Und Ben Gurion stellt sich mit dem Lagerkomitee, es gibt das Erinnerungsfoto mit dem Major Heymont und ein langes politisches Gespräch. Dabei kommt er zu dem Schluß: " Herr Ben Gurion scheint ein Mann mit einem ausgeprägten Scharfsinn zu sein und weiß genau, wie man Problem praktisch löst. Als er uns verließ, bemerkte er , daß sie in Palästina vergleichbare Probleme hätten. Eine Seereise verändert eben keine Menschen." Bevor er aber abreist, kümmert er sich darum, daß für die Kibbuzime Bauernhöfe zur Verfügung gestellt werden.

Lang ist der Weg

All diese Vorgänge hat dann im Jahre 1949 der Schauspieler und Regisseur Israel Becker mit dem Titel "Lang ist der Weg" als einen Dokumentarfilm zusammengefaßt. Er wühlt nicht Haß und Leidenschaft auf, sondern will hinführen zu vergessen, Versöhnung und zu neuem Leben. Die Landsberger Nachrichten berichten am 24. Juni 1949 davon: "Für uns Landsberger sind die in Landsberg spielenden Szenen von besonderem Interesse. Wir sehen das große Lager, sehen die verschiedenen Werkstätten, die Ausbildung der DP s auf allen gebieten der Wirtschaft, erleben in der ehemaligen Reithalle den großen jüdischen Kongreß mit, der schließlich zur Gründung des Staates Israel führt."

Erklärung von St. Ottilien

Als am 27. Mai 1945 im Kloster St. Ottilien das erste Befreiungskonzert stattfand, da haben sich vierhundert Personen getroffen, die dies als eine religiöse und politische Feier begriffen.
Rabbi Samuel Snieg, selbst ein Überlebender des KZ-Lagers Kaufering I, aus Kaunas übernahm die religiöse Leitung. Und die überlebenden Mitglieder des Kauener Ghetto-Orchesters unter dem KZ-Häftling Michael Hofmekler spielten Melodien von Bizet und von Grieg. Und am Ende sagen die versammelten die zionistische Hymne "Hatikva", welche später die Nationalhymne des Staates Israel wurde.
Der weltberühmte israelische Holocaustforscher Yehuda Bauer bezeichnete diese Veranstaltung als die "erste Vorstellung der She´erith Hapletah". Diese Vereinigung hatte sich aus den Überlebenden der jüdischen KZ-Lager von Kaufering gebildet. Der Name bedeutet "Der Rest der Überlebenden". Sie machten es sich zur Aufgabe, daß eine neue Welt- und Wertordnung geschaffen wird, die ein Ereignis wie das des Holocaust für ewige Zeiten ausschließen sollte.
Als sich am 25. Juli 1945 diese "She´erit Hapletah" in St. Ottilien traf, da war dies die erste Konferenz der befreiten Juden aller Zonen. Der Generalsekretär, Herr Benesch Tktatsch, ein Gesetzesgelehrter aus Kauen und Überlebender der Kauferinger Lager, meldete Vertreter von 30 jüdischen Sammellagern ehemaliger KZ-Häftlinge, die ungefähr 40000 Menschen vertreten sollten.
Am Ende dieser Versammlung wurde eine 14 -Punkte umfassende Erklärung verlesen, die in die Geschichte als die "Erklärung von St. Ottilien" eingegangen ist. Dort wurde vor allem die "Anerkennung der Juden als Volk mit einem Anspruch auf eine eigene Heimat, die volle Entschädigung der Verluste an Leben und Besitz durch die Deutschen und die Autonomie für die jüdischen Lagerinsassen" proklamiert.

Das Leben siegt - die Geburtenrate steigt

Eine besondere Bedeutung kam in dieser Bewegung den Frauen zu. Man strebte an, daß das jüdische Volk nicht aussterben darf, da sonst Hitler sein Ziel erreicht hätte. Und so war in diesen Reihen ein ganz starker Willen, daß man das Leben weitergeben muß. So kommt es, daß nach dem Holocaust in der jüdischen Bevölkerung die diesen überlebte, ein starker Willen zur Weitergabe des Lebens einsetzte. Die Liebe zum Kind wird am besten ausgedrückt in dem in der "Landsberg Cajtung" wiedergegebenen jiddischen Gedicht: "Cum jidiszn kind".
In den jüdischen DP-Lagern setzte im Jahre 1946 eine große Geburtenzahl ein. Wenn auch in Landsberg aus datenschützerischen Gründen diese nicht im örtlichen Standesamt eingesehen werden dürfen, so wissen, daß die Geburtenrate hier außergewöhnlich hoch angestiegen ist. Für die 500 Überlebenden in St. Ottilien sind uns Zahlen vom Dezember 1946 bis zum Juni 1947 bekannt, es bewegt sich hier immer in einer Zahl zwischen 30 -50 Geburten im Monat.
Einer dieser Geburtslandsberger, der heutige Direktor des Jüdischen Archives in Cincinatti Dr. Abraham Peck, wurde hier am 4. Mai 1946 geboren. Seine Eltern betrachteten sich beide als einen Teil der "She´erit Hapletah". Der Sohn hat diese Erinnerung immer bewahrt und sich auch immer bemüht, die Geschichte dieser DP-Lager zu erforschen und weiterzugeben. So hielt er am 10.9.1989 die Festansprache bei der Übergabe der Erinnerungstafel am ehemaligen DP-Lager. Und dies zur Ehre und zur Erinnerung seiner verstorbenen Mutter.
Viele Bilder sind uns erhalten, wo die stolzen jüdischen Mütter ihre Kinder hier in Landsberg mit den Kinderwagen ausführen, wo sie sich mit Ihren Kindern im Arm fotografieren ließen. Landsberg ist für viele ihr Geburtsort, der Ort auch der ersten frühkindlichen Erinnerung.

Im Lager nahm man einen regen Anteil an der Entstehung des Staates Israel, man veröffentlichte alle die jüdischen Menschen betreffenden Weltneuigkeiten, man bereitete sich auf eine baldige Abreise vor. Wohin das wußte man eigentlich nie richtig.
Die Zahl der DPs hielt sich zwischen August 1946 bis zum April 1948 zwischen 4553 und 4338 Personen. Erst in der zweiten Jahreshälfte sank die Zahl auf 3432 Personen.

Vertreter der Stadt besuchen DP-Lager

Als dann am 1. Dezember 1948 die Führung der Internationalen Flüchtlingsorganisation unter Jacques F. Palustre zahlreiche offizielle Vertreter der Stadt zum ersten Mal in das DP-Lager einlud, sank die Zahl der Personen auf unter 3000 ab.
Über diesen Besuch liegt ein fünfseitiges Protokoll des Oberbürgermeisters Thoma vor. Darin stellt der Vertreter der Gewerkschaft Pöschl fest: "Bei Versammlungen machen sich manchmal antisemitische Tendenzen bemerkbar. Man hat anscheinend vergessen, daß Landsberg gerade wegen der KZ-Lager von Bombenangriffen verschont blieb. Diesen Leuten muß man klar machen, daß die Juden und die Antifaschisten 12 Jahre im Lager und von der Gestapo verfolgt waren. Es darf niemehr passieren, daß wir als Demokraten die Macht solchen Leuten überlassen. (...) Es ist unser Sinnen und Trachten, darüber zu wachen, daß diese Leute unter Mithilfe der amerikanischen Behörden wieder in geordnete Verhältnisse kommen. Mögen die Anträge der Arbeiterorganisationen Berücksichtigung finden, so daß wir der Überzeugung sein können, wir leben in einem demokratischen Staat". Und der Leiter der Flüchtlingsorganisation Palustre faßt diesen Besuch zusammen: "Namens des Lager-Komitees hoffe ich, daß der Besuch seinen Zweck erreicht hat. Wir hatten bisher keinen Kontakt. Die Versammlung in der Bahnhofrestauration zeigte, daß viele keine Ahnung von dem Leben im DP-Lager haben. Auch hier leisten Leute acht Stunden Schwerarbeit. Ich bin überzeugt, daß Sie auf diesen Besuch anders denken (...)."

Besuch des israelischen Konsuls

Am 13. 1. 1949 kam als erster Vertreter des Staates Israel der Konsul Dr. Chaim Hofman, der selbst ein Überlebender der Kauferinger Lager war, ins Lager und sprach vor den Überlebenden des Holocaust mit dem Thema: Ein Jahr des Staates Israel. "Dieser Staat sei ein Produkt der Arbeit , des Schaffens und Wirkens und Wollens der Juden, die aber auch diesen Staat selbst verwalten wollen und können. Was in diesem einen Jahr geschehen, habe den Juden mehr Ehre gebracht wie die vergangenen 2000 Jahre. - Kommt zu uns! (...) Landsbergs Lager habe ich vor drei Jahren kennen gelernt. Landsberg habe die erste zionistische Organisation in ganz Deutschland geschaffen, in Landsberg wurde die erste jüdische Fachschule gegründet, die die Grundlagen zu der Arbeit in dem zu wählenden Land gab. Maßgebende Männer, wie der derzeitige Premierminister des Staates Israel - Ben Gurion - seien durch die Landsberger Schule gegangen. Wenn auch viel Länder die DPs aufnehmen, so rufe ich doch nochmals Werdet freie Bürger in unserem freien jüdischen Land!"

Der Lagervorsitzende Waldman gab der Hoffnung Ausdruck, "daß das Lager Landsberg in wenigen Monaten vollständig geräumt werden könne." Bis zum April 1950 sank die Zahl des DP-Lagers auf 1500 Personen ab. Landsberg wurde zu einem Lager, in dem sich die Bewohner anderer DP-Lager, die aufgelöst wurden, zurückzogen.

Auflösung des DP-Lagers

Im Oktober 1950 waren noch 1100 DP-Bewohner im Lager. Da erschien die Nachricht in der "Süddeutschen Zeitung" vom 10.10.1950 "DPs räumen Kasernen für die US-Truppen, eine Anordnung McCloys". Auch die Landsberger Kaserne soll am 1. November 1950 gerät werden.
Am 1. November 1950 befinden sich dort noch 1096 DP-Personen. Für den 24. April 1951 gibt es keine Angaben mehr.
Also hat sich in diesem Zeitraum die Geschichte der letzten DPs in Landsberg beendet. Erst im Jahre 1983 hat sich dann wieder der ehemaliger amerikanischer Natoobers Irving Heymont für dieses Kapitel Landsberger Geschichte interessiert und mit Unterstützung der Bürgervereinigung "Landsberg im 20. Jahrhundert" das eine Generation lang vergessene Kapitel des jüdischen Landsberger DP-Lager in Erinnerung gebracht.


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